In einer Welt, in der alle immer mehr wollen, will ich immer weniger.

von | Mai 19, 2026 | Kolumne, Selbstfürsorge | 0 Kommentare

Weniger Stress, weniger Lautstärke, weniger Wettkampf und weniger sich beweisen zu müssen.

Seit Jahren fühlt sich das Leben sehr ermüdend an. Es ist alles so laut geworden. Gefühlt schreit jeder seine Meinung nach außen und viele sind dauerhaft auf Krawall gebürstet. Die sozialen Medien verstärken das noch. Die Lauten drängen sich immer weiter in den Vordergrund, während die Leisen sich zunehmend zurückziehen.

Und es bleibt nicht im Internet. Diese „Ich darf alles und jeden kommentieren“-Mentalität hat längst ihren Weg ins echte Leben gefunden.

Viele verhalten sich so, als wäre es völlig normal, das Verhalten, Handeln und Tun anderer Menschen ungefragt zu bewerten. Was für extrovertierte Menschen oft wie ein beiläufiger Kommentar wirkt, trifft sensible, introvertierte Menschen ganz anders. Nur wird genau das kaum gesehen.

Die Welt ist nicht nur laut, sie ist übergriffig laut geworden.
Ständig ist da jemand, der etwas will, etwas sagt, etwas bewertet. In allen Lebenslagen kann es passieren, dass uns jemand ungefragt kommentiert. Ein Entkommen gibt es kaum.

Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die sich danach sehnt, dass das aufhört. Viele ziehen sich zurück, bleiben lieber zu Hause, vermeiden den Trubel. Ich mache das auch. Und ich verstehe, warum. Aber ich merke auch, dass kompletter Rückzug nicht die Lösung ist. Auch wenn wir dort alles haben, was wir brauchen, findet das Leben nicht nur in den eigenen vier Wänden statt.

Gleichzeitig fühlt es sich draußen oft so anstrengend an. Wir leben in einer Zeit, in der dieses Anspruchsdenken stärker ausgeprägt ist denn je. Dieses „Jetzt bin ich da, also dreht sich alles um mich“ begegnet einem überall. Es ist kein einzelnes Problem, keine bestimmte Gruppe. Es ist etwas, das sich insgesamt entwickelt hat.

Wir haben verlernt, uns zurückzunehmen.
Und genau das spürt man so stark. In Gesprächen. In Kommentaren. In der Art, wie miteinander umgegangen wird.

Wir können die Welt nicht verändern, um uns in dieser Hinsicht wieder wohler zu fühlen. Aber jeder für sich kann entscheiden, wie viel von diesem Lärm überhaupt noch bei uns ankommt. Und noch mehr: Wir, die Leisen, müssen wieder ein bisschen mehr rauskommen und zeigen, dass es auch anders geht. Liebevoller. Empathischer. Freundlicher.

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